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"... der Herr der Ringe des 21. Jahrhunderts." So steht es auf der Rückseite
des Bestsellers aus dem im Fantasy-Bereich renommierten Klett-Cotta Verlags. Diese Aussage
des "Legend"-Magazins ist eine verdammt hohe Meßlatte, die dieses Buch, und vor
allem die deutsche Übersetzung, nicht erreicht. Die meisten Besprechungen reihen sich ein
in den Chor der kritiklosen Lobesschreiber, obwohl der Roman trotz seiner Güte einige
Fehler aufweist.
Wer den ersten Band eines neuen Abenteuers mit 900 Seiten konzipiert, kann sich für
die Einführung der Protagonisten viel Zeit lassen. Das hat Williams getan: 150 Seiten
lang tappt man im Dunkeln. Verschiedene Personen werden in unterschiedlichen Szenarios
verschiedener Genres gezeigt, und immer wenn es spannend wird kommt eine völlig andere
Szene.
Das erinnert an alte Flash-Gordon-Serials im Kino, "Wird unser Held den Sprung aus 3.000
Metern überleben, wird Dale den lüsternen Fingern Kangs entrinnen, wird Barin sich aus
dem Würgegriff der Sumpfschlange befreien können? Die Antwort (und noch mehr Fragen)
bringt die nächste Folge."
Wer mehrere solcher Folgen mal am Stück gesehen hat, weiß wie langweilig diese Technik auf
Dauer wird.
Wüßte man nicht aus der Werbung über das Grundgerüst der Geschichte, würden viele das
Buch nach 100 Seiten einfach zur Seite legen. Allein die Frage "Wird aus diesen
Versatzstücken noch eine Story" und die positive Beurteilung des Buches zwingen zum
Weiterlesen. Und plötzlich steckt man in einer wirklich spannenden Geschichte, die mit
der Flucht der Helden ein plötzliches Ende findet.
Williams benutzt das angesagte Thema Cyberspace um mehrere beliebte Genres zu mixen. In
der realen Welt ist es eine Verschwörungsstory globalen Ausmaßes, in der Virtual-Reality
gibt es neben lupenreiner Fantasy noch einen antiken ägyptischen Schauplatz und einen
Alternate-Reality(Was-wäre-wenn)-Plot, in dem eine Wirklichkeit gesponnen wird, in der
die Azteken oder Milteken oder Was-weiß-ich-teken-oder-cas nicht von den Spaniern
geschlachtet worden sind.
Da wurde mit vollen Händen in den Pool der trendy Abenteuer-Vorlagen gegriffen und mit
einem intelligenten Kunstkniff ein unterhaltsamer Cocktail gemixt. Das Rad wurde dabei
allerdings nicht neu erfunden.
Hinterfragen sollte man auch die Figur !Xabbus. Der ist nämlich Buschmann und
Inbegriff das Guten im Menschen. Diese einseitige Betrachtung des Themas "Urvölker"
ist bedenklich. Eindringlinge in die Welt der Buschmänner berichten oft auch von der
unberechenbaren Agressivität dieser Menschen. Doch davon ist in "Otherland"
nichts zu lesen. So bleibt die Figur künstlich verklärt und eindimensional, eines treuen
Hundes gleich.
Ärgerlich ist die Übersetzung. Von stehengebliebenen Satzfehlern bis zu völlig
sinnlosen Eindeutschungen mit dem Preßlufthammer wird leider kein Lapsus ausgelassen.
Beispiel gefällig? Aus der "Defense Line" einer Football-Mannschaft wird der
"Verteidigungs-Riegel" (gibts den auch in Vollmlch?!). Manchmal werden so
Sätze einfach unlesbar.
Eine zentrale Person wird folgendermaßen vorgestellt: "Zwei Soldaten unterhalten
sich privat über einen seltsamen alten Mann, der eine unwiderstehliche Vorliebe für ?
aufweist." Was ist "?" - das wird leider nicht gesagt. Ein narratives
Element zur Spannungssteigerung möglicherweise, aber warum wird dann diese Eigenart nicht
weiter ausgebaut und in der Geschichte benutzt? Leider ein schlechtes Bild der Arbeit des
Klett-Cotta Verlages. So fällt "Otherland" von der "... ultimative(n)
Cyberspace-Saga" auf das Niveau eines guten und spannenden Romans deutlich ab.
Wären die Erwartungen durch die Presse und die Werbung nicht so hochgeschraubt
gewesen, würde nicht ein Gefühl der Leere nach der letzten Seite bleiben.
Das ist eigentlich schade, Tad Williams hat mit dem ersten Teil der "Otherland"-Saga
ein unterhaltsamens Buch abgeliefert, das Lust auf die - hoffentlich besser bearbeiteten -
Nachfolge-Bände macht.
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