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Erschienen
Viel Lärm um nicht viel mehr als Nichts
03/2005
"Ich habe euch mit sehenden Augen blind gemacht" – Borachio, der nicht eben treue, dafür aber umso geldgierigere Trabant des melancholisch verbitterten Don Juan enthüllt des Pudels Kern: In einem verwirrenden Spiel von Intrigen, falschen Wahrheiten und ehrlichen Lügen explodieren in William Shakespeares Komödie "Much ado about nothing" die Lüste zu einem mal betörenden, mal urkomischen Gepoltere um Liebe und Treue, um den Traummann und die göttlichste aller Frauen und werden produziert in einem wortreichen Feuerwerk.

Ende Februar hatte "Viel Lärm um Nichts" in der Hockenheimer Stadthalle ein Gastspiel. Nun ist William Shakespeare ein gerade in Deutschland mit höchsten Ehren bedachter und gern rezipierter Dramatiker; der Besuch der Aufführung des Theatergastspiels Kempf aus Grünwald konnte dieser Verehrung allerdings kaum gerecht werden: Breite Schneisen leerer Stühle dokumentierten das mangelnde Interesse des Hockenheimer Publikums.

Dabei waren mit Stella Maria Adorf und Wolfgang Seidenberg zwei Schauspieler aufgeboten worden, die durchaus eine ordentlichere Präsenz nahegelegt hätten.

Bedauerlicherweise entpuppten sich die beiden großen Namen – Adorf als Tochter des in der Bundesrepublik geradezu abgöttisch geliebten deutsch-italienischen Schauspielers Mario Adorf ("Blechtrommel", "Der große Bellheim", "Rossini") und Seidenberg, der den fernsehverliebten Deutschen vor allem als Klempner Frank Töppers aus dem "Marienhof" zumindest visuell ein Begriff ist – als echte Lockvögel für eine insgesamt eher schwache Inszenierung.

Regisseurin Silvia Armbruster, die auch schon für die Bremer "Shakespeare-Company" inszenierte, hatte das libidinöse Verwirrspiel im üblicherweise goutierbaren Modernisierungseifer aus dem prunkvollen Medina auf eine inselhafte Guerilla-Station verlegt (das schlichte aber aussagekräftige Bühnenbild von Michael S. Kraus sprach Bände, wenngleich es nur wenig beeindrucken konnte) und mit der jüngsten amerikanischen Geschichte vermischt – Don Juan wurde zu "Don John", die einfältigen Gerichtsdiener Holzapfel und Schlehwein kamen in Gestalt des tumben "Sergeant Tony Fair" und der knallharten aber nicht weniger dümmlichen "Condeleezza Price" inklusive der betonartigen Frisur der attraktiven amerikanischen Außenministerin und dem leichten Hang zum Foltern daher.

Nun also "Viel Lärm um Nichts" im Stile Quantanomos? Mitnichten. Die Handlungsstränge blieben erhalten, wenngleich die Texttreue dem Wunsch nach Zeitbezug deutlich untergeordnet wurde.

Handlung
Der junge Edelmann Claudio, Gefolgsmann des Prinzen von Aragon Don Petro, verliebt sich in die schöne und unschuldige Hero. Naivität der Jugend und ein emotional eher ängstlicher Charakter verhindert bei beiden, dass sie sich ihre Liebe gestehen – also vermittelt Don Pedro.
Der ist auch dafür verantwortlich, dass sich das ins Gegenteil verkehrte Parallellpaar, Benedikt und Beatrice, die sich – ganz "Bräutigam, der sich nicht traut" und Männerhasserin – eigentlich nur in wilden Wortgefechten etwas zu sagen haben, durch List ineinander verliebt.
Doch wo List ist, da findet sich auch Tücke: Don Juan bedient sich seiner beiden unterbelichteten Handlanger Borachio und Konrad, um Heros Hochzeit zu verhindern. Claudio wittert Untreue und verstößt die junge Schöne am Traualtar.

Doch was wäre eine Komödie ohne "Happy End"? Claudio muss seinen Irrtum erkennen, als durch einen Zufall das falsche Spiel Juans aufgedeckt wird: "Erfindet mir die schwerste Buße, ich trage sie – doch hab ich nichts getan, als mich geirrt". Er heiratet in der vermeintlichen Person einer Verwandten Heros doch noch seine wahre und nur totgeglaubte Braut und auch Beatrice und Benedikt finden zueinander – wenn auch angeblich nur ein wenig und aus Mitleid.

Shakespeares Komödie wurde 1599 geschrieben und 1993 einmal mehr von Kenneth Branagh aufsehenerregend verfilmt. In den Hauptrollen Branagh, Emma Thompson, Keanu Reeves, Michael Keaton und Denzel Washington.


Ob man die Rollenliste, die im Original noch 16 "echte" Rollen zählt, aus Sparzwang oder künstlerischer Überzeugung (zu Shakespeares Zeiten waren Mehrfachbesetzungen durchaus üblich) auf sechs Schauspieler in 13 Rollen zusammengestrichen hat, bleibt dahingestellt. Fakt ist, dass sich beim Zuschauer der Eindruck breit machte, dass Hero nur deshalb – mehr schlecht als recht - von einem Mann und Claudio mit den selben Einschränkungen von einer Frau gespielt werden mussten, weil kein Personal vorhanden war. Zuträglich waren die Rollenwechsel einzig bei Wolfgang Seidenberg alias Benedikt alias Antonia alias Tony Fair. Eher konstruiert wirkende Auftritte und manches Stocken im Erzählfluss waren weitere unumgängliche Folgen der knappen Besetzung.

Seidenberg darf durchaus als der Star des Abends bezeichnet werden. Er gab den polterden Benedikt, der in einer nicht immer eingängigen, aber dabei urkomischen Logik eine Katharsis vom Eheverweigerer ("Beweist mir, dass ich jemals aus Liebe mehr Blut verliere, als ich durch eine Flasche Wein ersetzen kann") zum zwar nicht glühenden, aber doch standhaften Liebhaber avancierte, ebenso engagiert, wie die vertrocknet-impulsive Antonia oder den übereifrigen Sergeant Tony.

Weit abgeschlagen dahinter stolperte Stella Maria Adorf als Beatrice durch die Szenerie: Sie wurde der Herausforderung der Kratzbürste keineswegs gerecht, verlieh der spröden Schönen weder Tiefe noch emotionale Präsenz, brachte die üblicherweise heißen Wortduelle mit Benedikt allenfalls lau und fiel allein durch ein katastrophales Kostüm auf.

Präsenter und überzeugender Anette Wunsch in der Rolle des Gouverneurs von Medina, die – wir hören wieder die Gagenkasse klingeln – flugs in eine "Leonata" umgewandelt wurde: Energisch und glaubwürdig im Zorn, barmherzig und warm in der Liebe verkörperte sie perfekt "Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust". Ebenbürtig Michael Greza als Don Pedro, der durch Mannhaftigkeit auf der einen, durch schlitzohrige Verspieltheit auf der anderen Seite punkten konnte.

Rätselhaft wird immer bleiben, warum die in der Rolle des Claudio so ärmlich agierende und schaurig singende Anette Ziellenbach als Condoleezza Prize andauernd "Fuck" postulieren musste und warum Kay Rode, der die finster-intrigante Persönlichkeit Don Johns in Perfektion verkörpern konnte, als Hero ein wahres Jammerbild abgab: Müde, leer und abgedroschen taumelte er in einem armen Fetzen aus der Kleiderkammer durch die weiblichen Klischees und wirkte im Hochzeitsornat allenfalls tuntig-peinlich als "Puderquaste".


Als Fazit bleibt nach zweieinhalb Stunden Theater mit unglaublich viel Lärm um nicht viel mehr als Nichts, das bereits in der Pause eine nicht unbeachtliche Zahl Zuschauer in angenehmere Gefielde trieb, das Gefühl einer überbordenden Boulevardeske und die Feststellung, dass es nicht immer ein Fehler sein muss, wenn die Stadthalle nicht voll besetzt ist.