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Erschienen
Traum-Hausfrauen: Verrückt aber begabt
03/2006
In der satirischen TV-Serie „Desperate Housewives“ sind die Hausfrauen frustriert, verzweifelt und verrückt. Zwei Exemplare ganz anderer Natur standen am vergangenen Wochenende an seit langem restlos ausverkauften Abenden vor dem begeisterten Publikum im Neulußheimer Kulturzentrum „Alter Bahnhof“: Die Pianistin Marina Nottbohm und Sängerin Sabine Zahn-Heidenreich treten seit sieben Jahren gemeinsam unter dem Banner „Die begabten Hausfrauen“ auf – ein Titel, den sie dereinst nach einem Gastspiel beim Hausfrauenbund von einem Mitarbeiter unserer Zeitung verliehen bekamen, obschon die beiden im wahren Leben weit entfernt sind von dem, was man als „Frauchen an Heim und Herd“ bezeichnen würde.

Auf der Bühne werden aus den sonst so umgänglichen Ladies zwei Diven, die allein das Problem haben, dass in der ersten Reihe immer nur eine stehen kann – aber beide wollen. Kein Wunder also, dass sie sich zumindest verbal bekriegen: Nicht immer ganz fein, aber immer sehr zum Amüsement des auffällig zugetanen Publikums. Da fällt dann ein Vergleich der Sängerin mit der inzwischen 75-jährigen Caterina Valente nicht eben schmeichelhaft aus („im Vergleich mit Ihnen hat sie sich unglaublich gut gehalten“), was aber durch die zurückblaffende Vokalistin mit vernichtenden Kritiken an ihres Widerparts Gesangskünsten im „Backround“ und in Duetten („Frau Nottbohm hat ja nun keine große Stimme“) ausreichend pariert wird.

So schlängeln sich die "BHs" seit langem durch ihre Abende: Die glamouröse Diva und an ihrer Seite die nur als „Notbesetzung“ angeheuerte Klavierspielerin – beide immer in einem schwankenden Taumel zwischen Hybris und totaler Unterwerfung. Diesmal aber kam ein dritter Faktor mit auf die Bühne, der die beiden gut eingespielten Damen in Aufruhr versetzte: Der in unserer Region wohlbekannte Mundartdichter Thomas Liebscher machte den beiden Kratzbürsten das Bühnenrecht streitig und schaltete sich immer wieder in den Ablauf ein. Mal eher polternd, dann aber zunehmend süßlich-verliebt stellte er den beiden Damen mit poetischen Kurzinterventionen nach. So präsentierte er fast schon anzüglich seine „Hymne aufs Walldorfer Kreuz“, aber auch die mit seinem scharfen und feinsinnigen „Normalo“-Blick gestreiften Alltäglichkeiten, die er in „Kürzestgeschichten“ „uffschnappst“: „Beruflich isser net viel worre – deshalb b’stellt er sich wennigschdens in de Wertschaft än Chefsalat“. Zuletzt wurde er gar herzlich erhört von der Pianistin, die – angedenk der Anwürfe ihrer Gesangspartnerin – inzwischen mit kurzem Röckchen, scharfen Stiefeln und knappem Mangashirt ihr „unflottes“ Outfit abgestreift hatte und auch verbal deutlich schlagfertiger geworden war.

Überhaupt ist es Nottbohm, die den Fluss des Programms maßgeblich vorantreibt und auch den bedeutendsten künstlerischen Beitrag leistet: Mit einem bemerkenswerten Timing macht sie aus ihrer Klavierbegleitung eine angenehm präsente musikalische Lebensader der „BHs“. Dazwischen die bissigen Kommentare der blondwuscheligen Musikerin – das ist köstlich.

Sabine Zahn-Heidenreich gefällt in der durchaus glaubwürdigen Rolle der kauzigen Diva mit punktuell leichten Durchbrüchen Badenser Bodenständigkeit. Gesanglich punktet sie vor allem mit den eher flotten, sehr bekannten Titeln: „Nur nicht aus Liebe weinen“ von „der Leander“ oder den Knef-Klassiker „Für mich solls rote Rosen regnen“. Deutliche Probleme machen ihr aber Intonation und Harmonie in der höheren Lage.


Das Publikum hats nicht gestört: An beiden Abenden zwang langanhaltender Applaus und begeistertes Kreischen zu mehreren Zugaben – was den beiden Hausfrauen nicht nur die Chance offerierte, sich wieder miteinander zu versöhnen, sondern auch Liebscher ganz offiziell ins Herz zu schließen. So dürfte sich am Ende nicht nur bei ihm das Duett „Dream a little dream of me“ in die Realität hinübergerettet haben.