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Erschienen
Inbrunst und tröstliches Vertrauen beenden Herbstkonzert-Reihe
11/2009
Einen wirklich befriedigenden Abschluss hat Ende Oktober der musikalische Dreiteiler der „Hockenheimer Herbstkonzerte“ gefunden: Programmatisch und künstlerisch wurde erwartungsgemäß Höchstleistung geboten, diesmal wurde aber auch der zahlenmäßige Publikumszuspruch der Veranstaltung gerecht.

Üppig gefüllt fand sich die Evangelische Stadtkirche, als die Frauen des „Coro Concertante“ um ihren Dirigent Christian Holger Bühler mit drei Werken Felix Mendelssohn-Bartholdys den Abend eröffneten und gleichzeitig eine Klammer zur Orgelnacht des vorherigen Wochenendes schlugen. Das Programm war ambitioniert und zukunftweisend: Nach dem deutschen Romantiker näherte man sich Schritt für Schritt der Gegenwart.

Zunächst konnte der Frauenchor – diesmal nicht mit Orgel (Peter Rudolf), sondern mit Harfe (Angela Holzschuh) umrahmt, mit Joseph Gabriel Rheinbergers Hymne „Wie lieblich sind Deine Wohnungen“ zeitlich einen Schritt nach vorn machen. Der sanft-liebliche Grundtenor der Damen war dabei fesselnd und auf eine sehr natürliche Weise eindringlich: Nicht immer ganz exakt, stets aber mit großem Gespür für die emotionale Tiefer der höchst sakralen Musik.

Das Heidelberger Kantatenorchester um seine erste Violinistin Jeanette Pitkewica bekam ebenfalls die Chance, sich zunächst alleine vorzustellen. Ohne Frage ein gelungener Coup, denn durch das ganz bemerkenswert schöne Stück Musik, das die zunächst als Kammerstreichorchester agierenden Heidelberger mit Edward Elgars Streicherserenade in e-Moll op. 20 einbrachten, wurden die Sinne entspannt und neu geschärft: Ein präzise differenzierter Klang mit ruhigem, völlig klarem Ton, eine exzellent dosierte Dynamik mit ganz apartem Liebreiz und nachdrücklicher Vehemenz gleichermaßen, herausragende Stärken in weiten, spannungsgeladenen Bögen und ein voller, warmer, extrem homogener Klangkörper war Garant für eine hingebungsvolle Interpretation voll Zartschmelz und großem Gefühl.

Ohne Frage der Höhepunkt des Abends aber dann im Tutti John Rutters „Requiem“: Der Brite, der auch von der Kritik zu den bedeutendsten Chor- und Kirchenkomponisten der Gegenwart gezählt wird und der wegen seines insgesamt gefälligen Stils auch als der „Bob Ross unter den geistlichen Vokalmusikern“ bezeichnet wird, hat das „Requiem“ 1985 im Andenken und im Angesicht des verstorbenen Vaters geschrieben und sofort nach der Veröffentlichung einen ungeahnten Erfolg damit gefeiert. Das Gesamtwerk ist geprägt von einer schmerzhaft gefärbten Stimmung des Trostes und dem Blick auf die Zukunft; es verfolgt nicht die übliche katholische Liturgie für Totenmessen, sondern lässt unter Wegfall einzelner Teile Einflüssen aus dem anglikanischen Brauchtum Raum – Rutters Requiem ist nicht Pflicht, sondern emotionale Kür und ein doch sehr persönliches Werk.

Eben darin liegt die Kunst der Aufführung: Der Gefühlswelt auch im sakralen Rahmen individuellen und persönlichen Raum zu geben – nicht zu Repetieren, sondern mitzufühlen.

Das ist dem „Coro Concertante“ und dem Kantatenorchester – nun in größerer Besetzung – ausnehmend gut gelungen: Hingabe, Inbrunst und Ehrfurcht, optimistische Kraft und tröstliches Vertrauen prägten die siebenteilige Totenmesse. Liebenswerte Akzente setzten ein Kinderquintett (Lara Scholpp, Annika Klingbeil, Nils und Matthias Andreas, Jan Niklas Goldhammer) und das Sopran-Solo Lisa Scholpps.


Damit ging in stehenden Ovationen eine Konzertreihe zuende, die künstlerisch neue Maßstäbe setzte – und auf deren Fortsetzung im nächsten Spätjahr Publikum und Fachwelt gleichermaßen hoffen.