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145 Seiten
Was tut eine Prinzessin, wenn ihr keiner ihrer Freier gefällt? Prinzessin
Henriette-Rosalinde-Audora (nicht nur schön, sondern auch ein klitzekleines
Bisschen verwöhnt...) stellt nämlich gehobene Ansprüche an den Prinzen, den
sie einmal heiraten will. Aber man kann ja selbst aktiv werden.
Die Prinzessin beschließt, sich von einem furchtbaren Untier entführen lassen
und darauf zu warten, dass der heldenhafte und alle übertreffende Traumprinz
als Erster angaloppiert kommt, um sie zu retten.
In ernsthafte Gefahr begeben will sie sich dabei als empfindliche Prinzessin
jedoch selbstverständlich nicht.
Doch zum Glück gibt es ja auch harmlose Ungeheuer, sogenannte Vegetarier.
Die dürften dann kein Interesse daran haben, eine Prinzessin zu verspeisen.
(Natürlich darf man den Prinzen nicht verraten, dass es sich um ein nettes
Untier handelt, sonst kämen ja wieder nur die Langeweiler.)
Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf.
Wie es sich herausstellt, ist Henriette-Rosalinde-Audoras Part damit erst
einmal erfüllt. Nun begleiten wir nämlich die tatkräftigen jungen Prinzen
auf ihrem Weg zum Untier, beziehungsweise zur Prinzessin.
Aber obwohl in Logik unterrichtet und im Kämpfen ausgebildet, schafft es keiner
von ihnen, überhaupt erst einmal zum richtigen Wald zu gelangen.
Eine Landkarte wurde von den königlichen Boten schließlich nicht verteilt.
Glücklicherweise gibt es ja nicht nur Prinzen. Es gibt auch Prinzessinnen
- und wer sagt, dass die nicht auch Untiere besiegen und Leidensgenossinnen
befreien können? Heiraten können sie die Glückliche danach zwar nicht, aber
da gibt es doch immer noch dieses Versprechen des halben Königreiches für
den erfolgreichen Helden - Anreiz genug, wenn man in einem Königreich wohnt,
dass nicht viel größer ist als anderswo der Schlosshof.
Nebenbei erfahren wir ein bißchen etwas über das Schicksal des vegetarischen
Untiers, dass sich mühsam von Beeren und Pilzen ernährt - und vom Proviant
der Prinzessin. Sein Sprachfehler macht die Verständigung ein bisschen schwierig,
und so erkennen wir auch erst ganz zum Schluss, dass es gar nicht ohrlos ist!
In diesem modernen Märchen kommt alles anders, als man denkt, und gerade
das macht es so spannend. Die Hauptfiguren werden auch nicht mit dauerhaftem
Glück bis zum Lebensende gequält, sie dürfen durchaus ganz normal weiterleben.
Bis auf die arme Henriette-Rosalinde-Aurora, die vielleicht noch heute zwischen
einer Schafherde sitzt und gelangweilt und empört darauf wartet, dass sie
endlich die königliche Kutsche abholt.
Zunächst erinnert die Geschichte stark an M.M. Kayes "gewöhnliche Prinzessin"
- die geplante Entführung zum Prinzenfangen zumindest. Aber dann geht sie
doch ihre ganz eigenen Wege und den beiden Büchern bleibt als große Gemeinsamkeit
nur das augenzwinkernde Spielen mit der Gattung Märchen und all den überkommenen
Vorstellungen, die wir von "richtigen" Prinzessinnen und Prinzen und Untieren
haben.
Die Bilder von Verena Ballhaus erzählen die Geschichte auf ihre ganz eigene
Art und Weise, sie bieten noch zusätzlich viel Anlass zum Schmunzeln. Der
Schluss wird sogar nur in einer Bildergeschichte weitergesponnen, die knappen
Sprechblaseninhalte sagen alles, was gesagt werden muss.
So legt man das Buch nicht mit verklärtem Lächeln und verschleiertem Blick
sondern mit einem zufriedenen Grinsen zur Seite. Irgendwie sind diese gar
nicht idealtypischen Märchenfiguren herrlich vertraut, nicht von Grimm, Hauff
oder Andersen, sondern aus unserer stinknormalen Alltagswelt. Sie werden von
genauso zweifelhaften Motiven gelenkt wie wir und sie haben genauso ihre Launen.
Und die Moral von der Geschicht: Vegetarische Untiere sind auch nur Menschen.
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