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Wir wachen auf und erleben die Welt aus der Sicht der vierjährigen Ljolka.
Es ist eine kleine Welt, eingeengt durch Konventionen und Alkohol, Streitereien
und Egoismus, Kriminalität und Angst.
Aber es ist ihre Welt, in der sie sich zurechtfindet und wohlfühlt - bis ganz
langsam alles um sie herum auseinanderbricht.
Die vorwitzige Kleine wohnt bei ihrer Großtante Gruscha und ihrem Großonkel
Kirscha, weil ihre Mutter weder Zeit noch Lust hat, sich um die Tochter zu kümmern.
Ljolka genießt die Geborgenheit und Zuwendung, die sie von der alten Frau bekommt,
sie weiß genau, wer die Hauptrolle im Leben der warmherzigen Großtante spielt.
Immer wieder hört sie den Geschichten des Großonkels zu, der mit Bestimmtheit
behauptet, er sei ein echter Graf, und betrachtet die Bilder seines alten Fotoalbums.
Aber warum lachen ihn alle deswegen aus?
Fasziniert beobachtet sie die Vorgänge um sich herum, denn immer mehr scheinen
alte Wunden aufzubrechen, längst vergessen geglaubte Geschichten ans Licht zu
kommen.
Sie versteht nicht ganz genau, weshalb die Erwachsenen sich so seltsam verhalten,
es ist ja auch alles in Ordnung, solange sie geliebt wird.
Doch als etwas Schreckliches geschieht, holt ihre Mutter sie wieder zu sich
- und jetzt erhält sie zwar Englischunterricht und ein großes Kinderzimmer,
aber ihr fehlt die Wärme und Herzlichkeit Gruschas.
Sie macht sich auf den Weg, die Dinge wieder geradezurücken, doch es ist bereits
zu spät.
Alleine und orientierungslos bleibt sie zurück und versucht, mit der Welt um
sich herum fertigwerden.
Ein weiterer Zwischenfall passiert, und es sieht so aus, als bliebe nichts als
das Erstaunen über so viel Ungerechtigkeit.
Erst ganz am Schluss wird deutlich, dass wahre Liebe keine Grenzen kennt, kein
Ende und kein "zu spät". Dass trotz aller Grausamkeit und Kälte noch Platz bleibt
für beständige Zuneigung und Fürsorge. Dass manche Bindungen selbst vom Tod
nicht zerstört werden.
Die Autorin arbeitet mit einem überschaubaren Personenkreis.
Durch Ljolkas aufmerksame Augen erhalten wir ein genaues und meist unkommentiertes
Bild der verschiedenen Charaktere. Allein durch ihre Art der Beschreibung können
wir auf die Motive, Hintergründe und Vergangenheit der einzelnen Individuen
schließen.
Vieles bleibt unklar, es gibt viel Raum für eigene Interpretation und Fantasie.
Nie wird direkt ausgesprochen, was für Gefühle das Mädchen hegt, alleine durch
ihre differenzierte Wahrnehmung kann man erahnen, wieviel sie letztendlich doch
versteht, wie stark sie sich mit Selbstvorwürfen belastet und wie groß ihr Anlehnungsbedürfnis
ist. Der Tod spielt eine große Rolle in ihrem Leben, aber sie beschreibt ihn
als eine Selbstverständlichkeit, widmet ihm nicht mehr Raum als nötig. Lieber
versucht sie, sich an das zu halten, was ihr bleibt.
Zunächst verwirren die unterschiedlichen russischen Namen ein wenig, man gewöhnt
sich aber schnell daran, dass beispielsweise Agrippina und Gruscha für dieselbe
Person stehen - außerdem gibt es am Ende des Buches ein Namensverzeichnis. Das
nutzt einem allerdings nicht mehr viel, wenn man sich schon bis zu dieser Seite
des Buches durchgekämpft haben muss, bis man es entdeckt.
Ein Roman, der erstaunlicherweise keinen bitteren Nachgeschmack der Verzweiflung
hinterlässt. Selbst "Die letzten Tage im dunklen November" werden aufgehellt
durch Ljolkas lebensfrohe Sicht der Dinge, durch ihre standhafte Weigerung aufzugeben,
durch Tante Gruschas alte Stiefel.
Ein Buch für alle die, die trotz Enttäuschung und Abschied noch ein Ohr haben
für das leise Flüstern der Engel.
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